200 Jahre Wiener Neustädter Kanal

Im Jahre 1797 legte der "Genieoffizier", Ingenieur-Oberstleutnant Sebastian von Maillard, im Auftrag der "Wiener Neustädter Steinkohlegewerkschaft" seine Planungen für einen schiffbaren Kanal zum Transport von Waren, der von Wien bis zum Adriahafen Triest führen sollte. Bereits im Sommer desselben Jahres wurde der Bau des Großprojekts in Angriff genommen. Die erste Bauphase reichte von Wien über Kledering, Rannersdorf, Lanzendorf, Leopoldsdorf, Laxenburg, Sollenau bis nach Wiener Neustadt.

Die inzwischen zur "k.k. privilegierten Kanal- und Bergbaukompanie" vereinigten Gesellschaften verpflichteten Kroaten und Italiener zum Ziegelbrennen und Graben. Kaiser Franz II. stellte für dieses Projekt Pioniere, Militärmaurer und Kettensträflinge von Brünner Spielberg zur Verfügung. Das Hauptkontingent aber stellten zur Zwangsarbeit verurteilte Soldaten, deren Zahl bald auf über 1200 angestiegen war.

Die von Wiener Neustadt gegen Wien abfallende, 56 km lange Kanalstrecke wurde durch 52 Schleusen befahrbar gemacht und vom Wasser aus den Flüssen Leitha, Kehrbach, Piesting, Kalter Gang und Hirm gespeist. 1801 ging der Kanal ins Eigentum des Staates über, der die gesamten Baukosten bestritt. Am 12. Mai 1803 konnte schließlich das Teilstück Wiener Neustadt-Wien in Betrieb genommen werden.

Mit den eigens gebauten Kanalschiffen wurde hauptsächlich Steinkohle verfrachtet. Die Betreiber transportierten aber auch Ziegel und andere Baustoffe und ungeheure Mengen an Brennholz für die Versorgung der Wiener Öfen. Die Schiffe wurden durch die Strömung von Wiener Neustadt bis zum Haupthafen Wien (heute Bahnhof "Wien-Mitte") getrieben (das Wasser floss anschließend in die Donau ab). Kanal aufwärts mussten sie mit Pferden gezogen werden.

Bis zum Jahre 1811 wurde die Teilstrecke von Wiener Neustadt bis Pöttsching fertig gestellt. Der Weiterbau der Kanaltrasse bis Ödenburg (heute Sopron) scheiterte dann aber an der ablehnenden Haltung der ungarischen Großgrundbesitzer. Da die Erhaltung des überaus reparaturanfälligen Kanals den Staat sehr belastete (in Maria Lanzendorf gingen beispielsweise öfters die Grüfte bei der Wallfahrtskirche durch die Erhöhung des Grundwassers über, das durch das undichte Kanalbett entstanden war), wurde der Kanal schließlich an Private verpachtet. Einer der Pächter war der Bergwerks- und Ziegeleibetreiber Alois Miesbach, der auch die Ziegel, die er am Areal der späteren "Kreidefabrik" im heutigen Schwechat erzeugte, von dort mit Schiffen nach Wien transportierte.

Durch die Erfindung und den Ausbau der Eisenbahn wurde der Kanal schon bald nach der Mitte des 19. Jahrhunderts immer unwichtiger. Zwar wurde noch der Haupttransport des Baumaterials für den Ausbau Wiens nach Abbruch der Stadtmauern bewerkstelligt, schließlich setzte man aber vermehrt auf die Eisenbahn, die überaus großzügig ausgebaut wurde.

Der Plan, den Kanal bis nach Triest zu führen, war längst aufgegeben worden, als ihn der Staat 1868 verkaufte. 1879 wurde der Betrieb auf dem Wiener Kanalbaschnitt eingestellt und das Kanalbett durch den Bau der Aspangbahn (1881) und später der Wiener Stadtbahn bereits schwer verstümmelt. Bis auf wenige Teile, welche die Bahn benützte, wurde das Bett zugeschüttet. Mitte der 1930-er Jahre war der Kanal auch am Gebiet nahe Wiens planiert worden und nur einige wenige steinerne Zeugen erinnerten noch bis in die 1980-Jahre an das große Projekt, das vor nunmehr 200 Jahren begonnen worden war.

Quelle: Adolf Ezsöl (Nachrichten der Stadtgemeinde Schwechat, 43.Jahrgang, Nummer 06/2003)

 

Wiener Neustädter Kanal

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Wiener Neustädter Kanal, 1794-1803 nach Plänen von Sebastian von Maillard von der k. k. priv. Steinkohlen- und Canalbau A.G. als Transportverbindung zwischen Wiener Neustadt und Wien-Landstraße errichtet. Länge: 61 km, Höhenunterschied: 93 m, 46 Schleusen, mehrere Aquädukte. Der Wiener Neustädter Kanal wurde durch Leitha und Schwechat mit Wasser versorgt, er diente vor allem dem Gütertransport von Kohle, Holz, Erz und Ziegeln. Nach dem Höhepunkt des Schifffahrtsverkehrs verlor er durch die Konkurrenz der Eisenbahn an Bedeutung; 1878 erfolgte die letzte Fahrt. Der Kanal wurde zum Großteil zugeschüttet, kürzere Teilstrecken blieben als Werkskanäle mit Elektrizitätswerken erhalten.


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Literatur: V. E. Riebe, Der Wiener Neustädter Schiffskanal, 1937.

 

Aktualisiert: 04.06.2003